Verwobenes im Raum

Von Judith Hofer

 

Das Zimmer, der Innenraum in dem wir leben, ist der Ausgangspunkt von dem sich uns die Welt erschließt. Von dort gehen wir hinaus und dort kehren wir immer wieder hin zurück. Der Innenraum ist ein Gefäß, welches uns umschließt. Im abgesonderten Fürsichsein fühlt man sich sicher und geborgen. Dort grenzt man sich von der Außenwelt ab, man bewahrt privates und geheimes auf und geht Dingen nach, die nicht für die Öffentlichkeit gedacht sind. In die Räume, in denen wir täglich leben, sind unsere Erinnerungen, Erlebnisse, Gedachtes und Gefühltes eingewoben. So haben die Orte im Leben eines Menschen einen ganz bestimmten Eigencharakter. Hier ist der Mensch als geistiges Wesen verwurzelt.

Doch existieren solche Räume nicht nur in der materiellen Welt. Das Räumliche bietet auch die Grundlage zum Verständnis der geistigen Welt. Das menschliche Denken funktioniert zu großen Teilen in räumlicher Manier. Der Mensch denkt aus unterschiedlichen Perspektiven, Gedanken sind Konstrukte, bauen aufeinander auf und können ganze Welten bilden. In Träumen spielen Räume ebenfalls eine große Rolle. Hier dienen sie als Verbildlichungen von Gefühlen, Themenkomplexen oder Lebenszeiten. Beschäftigt sich unser Unterbewusstsein wieder mit einem bestimmten Thema, so besuchen wir in unseren Träumen oftmals wieder die selben Räume, beispielsweise aus Kindheitstagen, welche sich von Zeit zu Zeit auf geheimnisvolle Weise zu verändern mögen. 

 

Maren Schimmers hauptsächliches Sujet sind ebensolche transzendentale Innenräume. Mit Ihrer Malerei mit Zeichenmaterial erschafft sie zeitlos wirkenden Räume, als würden sie in einer anderen Sphäre existieren. 

 

Es gibt für Schimmer keine konkrete Vorstellung eines fertigen Bildes. Dieses wächst während des Malprozesses organisch. Es verhält sich wie beim Nachdenken, wenn ein Einfall zum nächsten führt oder manchmal nur um einen Gegenstand kreist. Aber auch wie in einem Traum, bei dem man sich in einem nächsten Moment in einer ganz anderen Situation wieder finden kann. 

 

Zu Beginn wird der Maluntergrund, meist Holz oder Malpappe, mit einer Grundstruktur von farbigen Flächen grundiert. Dann trägt sie mit Buntstift, Aquarellfarbe und Deckweiß eine Farbschicht auf die andere auf, sodass ein komplexes Gewebe von Flächen und Formen entsteht. Das Bemalen großer Flächen auf hartem Untergrund mit Buntstift, anhand akribischer Hin- und Herbewegungen, gleich eines Weberschiffchens, geschieht mit einer großen körperlichen Anstrengung. Bevor sich die abstrakten Räume durch die Hand der Künstlerin verbildlichen, manifestieren sie sich zunächst in der Anspannung ihres Körpers.

Wo Schimmer in ihrem früheren Schaffen noch mit fotografierten Räumen als Vorlage arbeitete, sind es jetzt nur noch Fragmente von Räumen oder einzelne geometrische und alltägliche Formen, welche als Ausgangspunkt dienen. 

Die geometrischen Formen und bunten Ornamente dienen als Anker, als Horizont an welchem man sich festhalten und austarieren kann, sodass man nicht nicht den Halt verliert, einem so der „Schwindel der Freiheit“[1]überkommt und man in die Tiefe fällt. Sie sind eine die Fläche gliedernde Geste. Man meint zunächst von ihnen aus, den Raum geometrisch begreifen zu können, jedoch lösen sich die Formen teils auch in andere Flächen und Ebenen, in Dunkel oder Licht auf. Das Ornament, in wessen Wiederholung man Sicherheit sucht, verändert sich aber in seinem Fortlauf. Es sind sich bewegende, lebendige Flächen, in den Raum gewoben. Nach einem kurzen Moment der Orientierung, gerät man doch wieder ins Schwindeln. 

 

Schimmers Malerei ist geprägt von vielen dunklen Flächen. Im Kontrast hierzu strahlen die hellen Momente und Farben noch stärker, sodass sie in den Vordergrund rücken können. Das Licht bricht und reflektiert sich, teils durchdringt es die unterschiedlichen Flächen. In manchen Arbeiten scheint es durch Fenster einzufallen, in anderen sind es farbige Ornamente welche wie von innen heraus strahlen. Jedoch übermalt Schimmer auch Teile dieser lichten Momente, lässt sie im Dunkel verschwinden und an anderen Stellen wieder auftauchen. Diese Dunkelheit suggeriert eine unbestimmte Tiefe, eine Ruhe, fast Geborgenheit. Aber ist sie es eben auch, die einem Unbehagen bereiten kann. Dort lauert das Unbekannte, das was man nicht sehen kann, das Fremde oder das eigene Innerliche, welches man vor sich selbst verbirgt. Dort verstecken sich die Bedeutungen und Erinnerungen, die wir oftmals mit Räumen in Verbindung bringen, welche man aber meist nur dunkel gefühlsmäßig empfindet und sie selten zu klarem Bewusstsein erhebt. Diesen versteckten Eigenschaften spürt die Künstlerin nach.

 

Die poetischen Titel, welche Schimmer ihren Arbeiten gibt, fungieren als eine eigene Ebene. Sie sind keine Beschreibung des Abgebildeten, sondern vielmehr eine Fortsetzung des Bildes. Diese entstehen in einem sich verselbständigenden assoziativen Spiel, in welchem die Künstlerin versucht, intuitiv aus Satzfragmenten, Worten und äußeren Einflüssen den passenden Titel zu finden. 

 

 

Maren Schimmer ist am 27.04.1983 in Henstedt-Ulzburg geboren. Sie lebt und arbeitet in Hamburg. Nach einem Studium der Kunstpädagogik studierte sie freie Kunst an der HfbK Hamburg, wo sie 2012 ihr Diplom bei Werner Büttner und Hanne Loreck machte. Daraufhin folgte ein Master of Arts im Studiengang Design / Illustration an der HAW, Hamburg. 2011 erhielt sie eine Nominierung für den Hiscox Kunstpreis, sowie 2013 eine Förderung von Jung von Matt im Zusammenhang mit dem Projekt Add Art: Hamburger Unternehmen zeigen und fördern Kunst und in 2007/2008  die Projektförderung durch den Freundeskreis der HfbK Hamburg: Projekt K25a. 2013 hatte Schimmer ein Aufenthaltsstipendium des Künstlerhauses im Schlossgarten Cuxhaven und von 2018-2019 das  Klaus Kröger Atelierstipendiums im Künstlerhaus Sootbörn. 

 



[1]       Sören Kirkegaard (1844), In: Der Begriff der Angst, Philosophische Schriften 2, Zweitausendundeins, Frankfurt am Main, 2009, S. 218

 

Vita

 

Maren Schimmer

Geboren am 27.04.1983 in Henstedt-Ulzburg

Wohnhaft in der Wohlwillstraße 13, 20359 Hamburg

 

Ausbildung:

• Juli 2015: Master of Arts (M.A.) im Studiengang Design / Illustration, HAW Hamburg

• 2012 – 2015: Masterstudium an der HAW Hamburg im Fachbereich Design / Illustration

• Februar 2012: Diplom der freien Kunst an der HfbK Hamburg bei Werner Büttner und Hanne Loreck

• 2007 – 2012: Studium der freien Kunst an der HfbK Hamburg

• 2004 – 2007: Studium der Kunstpädagogik

 

Auswahl von Ausstellungen (Einzel- oder Gruppenausstellungen):

• Stipendiumsabschlussausstellung: „Home is where the heart is“, Künstlerhaus Sootbörn (12.04.19 – 28.04.19)

• Gruppenausstellung: „#WELCOMETOTHEREALWORLD“, Gudberg Nerger Gallery (06.04.18 – 30.05.18)

• Gruppenausstellung: „Der Aberglaube ist die Poesie des Alltags“, kuratiert von Judith Hofer, 2025 Kunst und

• Kultur e.V., gefördert durch die Stadt Hamburg (05.05.17 – 26.05.17)

• Gruppenausstellung: „Die urbane Kunstkammer“, Kunstfestival im Gängeviertel (25.11.16 – 27.11.16)

• Einzelausstellung, Aktion #80, „Das Gehäuse in der Welt“, 2025 Kunst und Kultur e.V., gefördert durch die Stadt Hamburg (10.07.15)

• Gruppenausstellung „verzogen“, xpon-art, offizieller Teil des Architektursommers in Hamburg (13.05.15 – 14.06.15)

• Gruppenausstellung „Der absolute Zweifel“, Galerie Speckstraße, Gängeviertel Hamburg (13.06.14 – 22.06.14)

• Ausstellung des 28. Kunstpreises der Stiftung Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen (26.05.14 – 18.07.14) 

• Gruppenausstellung: „Kunstepedemie Büttner und Scolari“ in der Galerie Feinkunst Krüger (10.05.14 – 31.05.2014)

• Stipendiumsabschlussausstellung im Künstlerhaus im Schlossgarten Cuxhaven (24.11.13 – 30.11.13) 

• Teilnahme bei dem Projekt: „Add Art Hamburger Unternehmen zeigen und fördern Kunst“, Ausstellung bei Jung von Matt in Hamburg (02.11.13 und 03.11.13)

• „In dürren Blättern säuselt der Wind“, Einzelausstellung in der Galerie Brigitte Garde in Hamburg (08.09.12 – 13.10.12)

• Ausstellung im Kunsthaus Hamburg: Hiscox – Kunstpreis Nominierung (17.11.11 – 20.11.11)

 

Stipendien, Preise und Auszeichnungen:

• Klaus Kröger Atelierstipendium Hamburg (Juni 2018 – Juni 2019) 

• Förderung von Jung von Matt im Zusammenhang mit dem Projekt Add Art Hamburger Unternehmen zeigen und

   fördern Kunst (November 2013)

• September – Ende November 2013: Aufenthaltsstipendium des Künstlerhauses im Schlossgarten Cuxhaven

• Wintersemester 2007/2008: Projektförderung durch den Freundeskreis der HfbK Hamburg: Projekt K25a 

• 2011: Nominierung für den Hiscox Kunstpreis 

 

Veröffentlichungen, Kataloge:

• 2019: „Die Staubkörner am Shoji Fenster“, Katalog im Zusammenhang des Klaus Kröger Atelierstipendiums Hamburg 

• 2014: in Werner Büttners „Düngeschlacht über den Fontanellen. Erziehungsversuche an Anderen und am Selbst“, erschienen im Textem         Verlag

• Oktober 2012: Erscheinen des Künstlerbuches „In dürren Blättern säuselt der Wind“ im Materialverlag der HfbK

    Hamburg ( ://material-verlag.hfbk-hamburg.de/)

• 2012: Katalog, Herausgeber: HfbK Hamburg, mit Unterstützung der Rudolf und Erika Koch Stiftung